Pressemitteilung 24.05.2020: Steinwürfe auf die denkmalgeschützten Immobilie des ehemaligen jüdischen Arbeitsamts in der Kreuzberger Fontanepromenade 15

Anläßlich der Steinwürfe durch einen gemäß Pressemeldung möglicherweise unter Medikamenteneinfluß stehenden Radfahrer* auf das ehemalige jüdische Arbeitsamt in Berlin Kreuzberg erklärt der Verein <Gedenkort Fontanepromenade 15 > e.V.:

Der vergessene Gedenkort Fontanepromende 15 war zur Zeit des deutschen Faschismus zwischen 1938 bis 1945 Ausgangspunkt für unsägliches Leiden von rund 26.000 Berliner Jüdinnen und Juden, die von diesem Ort aus zur verschärften Ausbeutung ihrer Arbeitskraft durch schwerste Zwangsarbeit in die Rüstungsbetrieben dieser Stadt geschickt wurden, bevor die meisten von ihnen ab Oktober 1941 in die Ghettos und Konzentrationslager in den von der deutschen Wehrmacht besetzten Gebieten Osteuropas deportiert und dort ermordet wurden.

Die gegen die unüberhörbaren Proteste des Berliner Bündnisses WEM GEHÖRT KREUZBERG vollzogene Privatisierung der denkmalgeschützten Immobilie durch den Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg ab 2014 an diverse Investoren zum Zweck der profitablen Weitervermietung von Großteilen des historischen Gebäudes an Startups und vermögende Geschäftsleute, könnte nach Auffassung des Vereins ebenfalls als mögliche Ursachenerklärung dafür dienen, dass Menschen sich zu spontanen Kurzschlußhandlungen hinreißen lassen.

Denn die Menschen in der Nachbarschaft fürchten zurecht eine Gentrifizierung aus ihrem angestammten Urbankiez, sollten Mieten von 20 Euro brutto und mehr pro Quadratmeter sich langfristig im Kiez als Richtschnur für kleinteilige Gewerbe- und Raummieten für soziale Projekte durchsetzen, wie sie der aktuelle norddeutsche Investor Marc Brune als Mitinhaber der Fontanepromenade 15 GbR von dem aktuellen Gewerbemieter, dem startup free now (ein joint venture der Daimler Benz mit der BMW AG), als Miete verlangt und dem der Anschlag unter Umständen ebenfalls hätte gelten können.

Daimler Benz und BMW waren während des deutschen Faschismus selbst massive Nutznießer des menschenverachtenden Zwangsarbeitssystems der Nazis und beschäftigten Zwangsarbeiter*innen zur Aufrechterhaltung ihrer Kriegsproduktion.
Es ist ein geschichtspolitischer Skandal erster Güte, wenn Investor Brune — entgegen seiner Beteuerungen der Gedenkinitiative gegenüber, sich der geschichtlichen Bedeutung des Ortes bewußt zu sein — ausschließlich aus Profitgründen und ausgerechnet den damaligen Nutznießern der Zwangsarbeit einen Großteil dieser "repräsentativen" Immobilie zur Miete überläßt, die als Symbol für die Erniedrigung und Mißhandlung rassisch verfolgter Zwangsarbeiter*innen steht.

Mit Daimler Benz und BMW haben sich — unabhängig von der noch zu klärenden Frage der Urheberschaft des Steinanschlag in der Nacht vom 20. auf den 21.Mai 2020 auf den Gedenkort Fontanepromenade 15 — zwei sich durch Täterhandeln im deutschen Faschismus „auszeichnende“ Firmen einen Ort der Opfer des NS-Zwangsarbeitssystems angeeignet, der ihnen nicht zusteht.

Wir haben aus diesem Grunde die Daimler Benz und die BMW AG aufzufordern, schon aus Pietätsgründen gegenüber den an diesem Ort im Faschismus entwürdigten und verfolgten Jüdinnen und Juden umgehend den Mietvertrag mit dem Bremer Investor Brune aufzulösen.

Der Verein <Gedenkort Fontanepromenade 15 > e.V.  tritt seit Jahren für eine öffentliche und gemeinwohlorientierte Nutzung des Gebäudes ein. Ende 2017 verhinderten Untätigkeit, Desinteresse und mangelnder Einsatz von Stadt, Bezirk und Topographie des Terrors gegen das eindeutige Votum des Berliner Abgeordnetenhauses die erfolgversprechenden Gespräche des Vereins mit dem heutigen Besitzer zur dauerhaften Anmietung eines Teils des Gebäudes zu öffentlichen Gedenk-und Forschungszwecken.

Wir fordern Bezirk und Land unter Einbeziehung des Vereins <Gedenkort Fontanepromenade 15> e.V. auf, ein angemessenes Sicherheitkonzept für den Schutz dieser für das gedenkpolitische Gedächtnis Berlins so relevanten Immobilie zu entwickeln, welches der jetzige Eigentümer anscheinend nicht sicherstellen kann.

Darüber hinaus fordern wir das Land Berlin und den Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg auf, umgehend gemeinsam mit der Initiative erneute Gespräche mit dem aktuellen Vermieter zur Einleitung eines Prozesses zur Rekommunalisierung der Immobilie vorzubereiten, damit dieser "Ort eine Nutzung erfährt, die seiner geschichtlichen Bedeutung entspricht"**, bevor auch die letzten Zeitzeug*innen nicht mehr berichten können.

Vorstand <Gedenkort Fontanepromenade 15> e.V.


*https://www.rbb24.de/panorama/beitrag/2020/05/berlin-kreuzberg-fontanepromenade-pflastersteine-ns-zwangsarbeit.html

**Zitat Inge Deutschkron, ehemalige Zwangsarbeiterin, im Brief an Kultursenator Lederer und Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann vom 29.12.2016